Anwaltssohn fordert Geld für Ex-Stasi-Villa



Leipzig/Dippoldiswalde. Zwei Star-Architekten, ein erfolgreicher Jurist, die Nazi-Partei, sowjetische Militärs und sogar die Stasi sind mit im Spiel bei dem Fall, der morgen vor dem Bundesverwaltungsgericht verhandelt wird. Die Richter in Leipzig betrachten die Sache freilich nicht als schillernden Polit-Krimi, sondern als Rechtsfrage: Muss Wolf-Achim Krasting für Immobilien seines Vaters im sächsischen Dippoldiswalde entschädigt werden?

Da geht es zum einen um ein innerstädtisches Haus, in dem jener Rechtsanwalt und Notar Karl Krasting in den 1930er Jahren seine florierende Kanzlei betrieb. Zum andern dreht sich der Streit um dessen Stadtrand-Villa in der Rabenauer Straße: Die Dresdner Architekten Lossow & Kühne - von denen der Leipziger Hauptbahnhof stammt - hatten den Entwurf geliefert, zu DDR-Zeiten nistete sich dort die Stasi-Kreisdienststelle ein. Inzwischen hat der Staat die heruntergekommene Immobilie verkauft. Ein Sozialverein brachte dafür 120.000 Euro aus Spenden auf, plant ein Wohnprojekt.

Erbe Wolf-Achim Krasting zog unterdessen von Instanz zu Instanz. Es sei "ein langer Weg" gewesen, berichtet der 79-Jährige. Da die Grundstücke nach Kriegsende auf Geheiß der Besatzungsmacht enteignet wurden, scheiterte Krasting mit seiner Forderung nach Rückgabe. Vorgesehen ist stattdessen eine Entschädigung zwischen zehn und weniger als einem Prozent des aktuellen Verkehrswertes. In diesem Fall jedoch will der Staat überhaupt nicht zahlen.

Wolf-Achim Krasting setzt sich dagegen zur Wehr. Es gehe ihm, so betont er, nicht um die "lächerliche Zahlung", er will "um die Würde" seines Vaters kämpfen.

Unter dem Etikett der Kriegsverbrecherenteignung führte die sowjetische Besatzungsmacht einen allgemeinen Kampf gegen Industrielle und Mittelständler, schuf Staatsbesitz. Die Besatzungsmacht sei "sehr pauschal" vorgegangen, räumt Johannes Kimme, Präsident des Landesamtes für offene Vermögensfragen, ein. Seine Behörde prüft, ob einstiges Unrecht so schwer wiegt, dass dafür heute der Steuerzahler einstehen muss. Mit einem Nein antwortet das Amt, wenn der Besitzer "dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet" hat. Eine Klausel, um die sich die meisten der 5500 offenen Vermögensstreitigkeiten in Sachsen drehen. Wegen der im Erfolgsfall rückwirkend zu zahlenden Zinsen geht es bundesweit um Milliarden. Der Fall Krasting ist von grundsätzlicher Bedeutung, weil die Richter entscheiden werden, ob persönliche Schuld im Einzelnen belegt sein muss.

Karl Krasting war 1930, drei Jahre vor der Machtübernahme durch die Nazis, in deren Partei eingetreten, führte von 1931 bis 1934 den Vorsitz in einem Kreis-Parteigericht, wirkte anschließend, gleichfalls nebenamtlich, als NSDAP-Kreisamtsleiter für Gemeindepolitik und als Kreisrechtsstellenleiter. "Soziale Dinge waren sein Gebiet", sagt der Sohn, konkrete Schuldvorwürfe gebe es nicht. Das politische Parteirichteramt sei "überhaupt nicht sein Fall" gewesen, deshalb habe der Vater es abgegeben. 1939 zog der Anwalt als Soldat in den Krieg, 1945 wurde er von der sowjetischen Besatzungsmacht inhaftiert, kam 1950 frei, ging nach Hamburg.
Sohn Wolf-Achim betont, dass sein Vater in der britischen Zone als unbelastet eingestuft und nach "strenger Prüfung" als Anwalt beim Oberlandesgericht Hamburg zugelassen wurde. Ausgleichszahlungen für den Ost-Besitz lehnte der Jurist in der Folgezeit ab, glaubte an Wiedervereinigung und Rückgabe. 1990 schöpfte er in seinem letzten Lebensjahr Hoffnung. Später zog seine Witwe vor Gericht, seit deren Tod führt der Sohn die Sache weiter.
"Es geht nicht darum, ob wir jemandem eine strafrechtliche Schuld geben", sagt Kimme. Sein Amt bemühe sich um eine "Gesamtschau". So habe der Chef eines NSDAP-Kreisgerichts die Aufgabe gehabt, "Abweichler in der Partei zu erkennen und zu entfernen", auch ein frühzeitiger NSDAP-Eintritt gelte als "deutliches Indiz, dass jemand kein Mitläufer war".

Armin Görtz letzte Aktualisierung von 17.10.2006